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Der 40. Geburtstag – ein magisches Datum für viele von uns, insbesondere für Frauen.
Es war aber auch ein magisches Datum für unseren Mitarbeiter Walter, der an diesem Tag zum ersten Mal ernsthaft über den Sinn des Lebens nachdenkt.
Aurarium hat ihn auf seiner Reise in die Vergangenheit begleitet.
Die meisten Frauen verspüren eine vage Furcht, wenn sie sich dem 40. Geburtstag nähern. Sie schauen öfter und kritischer in den Spiegel, beginnen damit, mehr auf ihre Ernährung und ihren Körper zu achten und verbringen vielleicht ein klein wenig mehr Zeit damit, sich selbst einige kritische Fragen zu stellen.
Bei einem Mann verhält sich die Sache etwas anders. Die meisten Männer um die 40 sind mit sich selbst und ihrer Karriere so beschäftigt, dass sie über das Älterwerden gar nicht weiter nachdenken.
Wenn sich dann doch plötzlich die ersten Gedanken ins Gedächtnis schleichen, stürzen viele Männer in eine regelrechte Identitätskrise. Diese Krise kann ihn in vielen Lebensbereichen überraschen. Es kann zu einer schwerwiegenden Verunsicherung im Beruf kommen, manche suchen eine neue Liebesbeziehung, trotz bestehender Partnerschaft und wiederum andere erleben einen Verlust des allgemeinen Wohlbefindens, der inneren Sicherheit, leiden an Angstgefühlen und Panikattacken.
Wie auch immer sich die Krise äussert, sie lässt sich nicht mit einfachen Massnahmen bezüglich der Lebensgestaltung bewältigen. Man kommt nicht darum herum, an sich selbst zu arbeiten.
Nur für die Art und Weise, wie man den Weg aus dieser schwierigen Situation heraus sucht, gibt es diverse Möglichkeiten.
Eine davon könnte beispielsweise die sein, konkret über sich , sein bisheriges Leben und den Sinn dahinter nachzudenken und alles aufzuschreiben:
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zur Welt gekommen bin - Ich erinnere mich an das Gesicht des Doktors, seine brüske Geste, als er mich hochgehoben hat, ich war verschmiert mit Blut und Teilen der Plazenta - Ich erinnere mich an meine Mutter in dem Spitalbett, erschöpft von den vielen Stunden der Qual und der Schmerzen - Ich erinnere mich, dass sie abwesend war, wie in einer Art von Trance; nicht wirklich glücklich über das, was geschehen ist – und all das erschien mir irgendwie eigenartig.
Ich konnte noch nicht begreifen, dass ich nicht die Frucht einer Liebe war, die Erfüllung und die Materialisation eines Traumes, sondern sehr wahrscheinlich nur die Frucht eines Fehlers; die Frucht einer Nacht, in der mein Vater betrunken nach Hause kam und meine Mutter einfach „nahm“. Diese öffnete gegen ihren Willen, gegen jeden gesunden Wunsch ihre Beine, liess ihn in sich eindringen tat so, als würde sie Leidenschaft empfinden.
Diese erste, ziemlich traumatische Erfahrung hat paradoxerweise mein Leben geprägt, hat mich dazu gebracht, mich verstärkt gegen andere zu verteidigen, hat mich dazu gebracht, zu kämpfen, aggressiv zu sein, weil ich immer bestätigen wollte, dennoch ein starker Mensch zu sein, ein charakteristisch komplettes Kind, ein Mann, der immer weiss, was er will und, der auch, wenn nötig, gegen jedes Prinzip und alle moralische Regeln angeht.
Eine gewisse Abneigung, fast ein Gefühl von Hass gegen meine Eltern ist immer geblieben, auch, wenn ich trotzdem gelernt habe, sie zu schätzen. Wieso auch nicht? Meine Mutter resignierte irgendwann und mein Vater war ständig betrunken, stank nach Wein.
Vielleicht war dies der Grund, dass ich in der ersten Phase meines Erwachsenenlebens viele Probleme mit Frauen hatte. Ich benutzte sie nur, ohne Gefühl, so wie mein Vater meine Mutter benutzt hatte.
Ich habe auch homosexuelle Erfahrungen gemacht, sehr komplex, erregend und mitreissend.
In den Männern habe ich Konkretheit gefunden beim Liebe machen, Männer verlieren sich nicht in Galanterien, ihre Wünsche und Ausdrücke sind klar. Bei den Frauen habe ich immer versucht, mich nicht voll in ihr Spiel hineinreissen zu lassen, in die Alchimien ihrer Gedanken und ich empfand es immer als reizvollen Genuss, das Kommando des Spiels inne zu haben, vom Anfang bis zum Ende der Beziehung.
Ich bin überzeugt, dass ich schon frühere Leben gelebt habe; unter Hypnose ist es mir gelungen, mich zu erinnern.
Ich sah mich beispielsweise in einem anderen Leben, da ich in Marseille lebte, eine Art von Gentleman- Dieb war, verliebt in eine wohlhabende Frau. Während einer Auseinandersetzung erstach ich deren Mann und wurde von der Polizei verhaftet und verurteilt.
Diese Ereignisse, die ich unter Hypnose noch einmal wiedererleben konnte, vermittelten mir das Bewusstsein, dass ich wenig zu verlieren habe, aber in Beziehungen mit anderen immer viel gewinnen kann, indem ich versuche, die Person, mit der ich zu tun habe, wirklich zu erleben.
Wie wir alle, habe auch ich verschiedene Lebensphasen durchgemacht: Der erste Kuss mit 15 Jahren, der erste Sex mit 17, nach dem Abitur Philosophiestudium, bei dem ich immer gut vorwärts kam, Dank einer einigermassen guten Intelligenz, durch die ich immer sofort alles speichern konnte. Diese Begabung hat mir ausserdem sehr geholfen in Beziehungen mit anderen.
Ich bin in der Lage, zu analysieren und alle, noch so verschiedenen, Schattierungen der Menschen, mit denen ich zu tun hatte, zu erkennen.
Eine Zeitlang fand ich Gefallen daran, in einer Gruppe sogenannter „Alternativen“ zu leben, alle möglichen, auch harte, Drogen auszuprobieren. Ich konnte den Schmerz der anderen fühlen, durch ihre Worte, ihre Erzählungen, ich durfte an ihren Freuden und ihrem Glück, einen Freund gefunden zu haben, teilhaben.
Ich hatte Freunde, die viel für mich getan haben, selbstlos und ohne persönlichen Vorteil, einfach so, nur um des Gebens willen und, im Grunde genommen, habe ich sehr viel erhalten.
Ich habe mich selbst immer gründlich beobachtet, wollte perfekt sein, eine Art von Nirwana erreichen.
Ich habe immer versucht, ich selbst zu sein und wandte mich öfter als einmal an spirituelle Lehrer, die sich häufig als wirkliche Verkäufer von Illusionen entpuppt haben, die aber auch überzeugt davon sind, dass es Träume und Illusionen braucht in diesem Leben, um vorwärts zu kommen.
Einige Jahre reiste ich in der Welt herum. Ich war in der Türkei, in Istanbul, stand verzückt vor den Schaufenstern, die hell erleuchtet und überfüllt von wertvollem Goldschmuck waren. In den Casbah sah ich alle Arten von Waren und Edelsteinen, war verblüfft von Fischern in Jacke und Krawatte, alles ein wenig altmodisch.
Ich habe geweint, als ich bettelnde Kinder sah, die den Touristen Gummibänder und Plastikballons verkauften.
In Südamerika sah ich riesige Luxushotels, in denen dicke, reiche Amerikaner ihre Ferien verbrachten, wenn man aber um die Ecke ging, vorbei an dem Swimmingpool und den Palmen, kam man in zerstörte Gassen und Strassen, voll mit Frauen, denen die Verzweiflung im Gesicht geschrieben stand und dreckigen, hungrigen Kindern, die nicht einmal Schuhe an den Füssen hatten.
Ich habe russische Prostituierte geliebt, die dieser Arbeit nachgingen, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen.
Ich habe ohnehin viele Frauen geliebt, immer die schönsten Seiten an ihnen gesucht, die auffälligsten Qualitäten, wollte ihr Lächeln sehen.
Meine Ansprüche waren immer sehr hoch und sie wurden mir auch meist erfüllt. Im Gegenzug habe ich auch viel gegeben, bis ich einen Punkt erreichte, an dem ich keine Befriedigung mehr fand. Auch meinem weiblichen Trieb, der, wie man sagt, in jedem Mann steckt, habe ich freien Lauf gelassen. Ich habe mich verkleidet, habe gespielt und mit Jungen meines Alters experimentiert.
Doch dann floh ich vor dieser Identität, die nicht zu mir gehörte, die mich in Konflikte stürzen liess und mir Schmerzen bereitete.
Dieser Schmerz begleitete mich seit dem Beginn meiner Existenz, holte mich immer ein und ich lief immer vor ihm davon.
Ständig suchte ich eine Antwort auf die Frage, warum und wovor ich flüchte. Ich fragte mich, war es die Liebe, vor der ich davonlief, die Liebe, die doch nur Sex war, Begierde nach einem Körper – und nichts anderes.
Die Wahrheit jedoch war da, sie war in mir. Ich musste lernen, meine Schwächen zu akzeptieren. Immer noch muss ich versuchen, den Sinn dieser Momente intensiver Wut zu verstehen.
Momente, in denen ich meinen Eltern, beide mittlerweile alt und nicht mehr gesund, nahe bin und, von denen ich nun weiss, dass sie nie etwas von meinen Seelenqualen ahnten.
Nie, auch nicht im entferntesten, wäre ihnen in den Sinn gekommen, dass ich so war, wie ich war, weil sie mich eingeschlossen hatten in ihre Strenge und ihre Vorurteile, die ziemlich altertümlich war, die von ihrer alten, bäuerlichen Welt stammte, die so hart war und keine Schwächen zuliess. Diese Eigenschaften habe natürlich auch ich in mir wiedergefunden und an diesen musste ich arbeiten.
Mit 30 Jahren habe ich die Liebe gefunden: Es war eine phantastische Erfahrung, ein Treffen, das mir eine Zigeunerin durch Handlesen vorausgesagt hatte, das ich aber schon längst in den hintersten Winkel meines Gedächtnisses abgeschoben hatte.
Es war die erste Frau, die ich wirklich für mich haben wollte, mit all meinen Kräften. Die erste Frau, von der ich träumte, die ich besitzen wollte. Ich kämpfte um dieses, für andere vielleicht unbedeutende, für mich aber so wertvolle Geschöpf.
Ich sah sie als meine Begleiterin, so verschieden von mir, aber so schön, so süss, so geeignet, mir Gleichgewicht zu geben, so fähig, in mir den verborgenen Wunsch auszulösen, eine Familie zu gründen.
Plötzlich wollte ich eine Familie, wollte auch ich glücklich sein. Ich wünschte mir die Fähigkeit, meine Gefühle, Ängste und Emotionen zu teilen. Ich wollte mich streiten, mit ihr aneinander geraten, mich mit ihr zusammen finden, im ewigen Dilemma zwischen Mann und Frau.
Ich wollte lernen, was es heisst, rational zu sein, stärker und entschlossener, als andere Männer. Es war mir ein Bedürfnis, die Zärtlichkeit, die mentale Alchimie, den oft launischen und unbeständigen Charakter der Frauen verstehen zu können.
Schliesslich habe ich gelernt, Vater zu sein. Jetzt konnte auch ich all das Glück, das ein Vater empfindet und auch die Angst, es nicht zu schaffen, nachvollziehen. Ich wollte meinen Kindern alles geben und endlich lernte ich, die Angst, mich selbst zu betrachten, ohne Schamgefühl und ohne mich zu verstecken, zu überwinden.
Ich fand die Kraft, dieses fantastische Schloss aus Illusionen und Sicherheit, die das Leben mir gegeben hatte, nicht zu zerstören.
Jetzt, mit 40 Jahren habe ich damit begonnen, den Sinn des Lebens zu verstehen. Jetzt weiss ich, dass ich die Fehler und die Strenge meiner Eltern vergeben muss, ich habe verstanden, dass man Konflikte ohne Vergeben nicht aus der Welt schaffen kann.
Ich habe verstanden, was das Leben ist, vielleicht habe ich sogar meinen Frieden gefunden. Vielleicht auch Gelassenheit in den alltäglichen Dingen, aber dennoch weiss ich, es ist nicht zu Ende.
Jetzt liegt die Zukunft vor mir. Es bestehen nach, wie vor Risiken, aber ich habe verstanden, dass ich nicht allein bin.
Ich spüre die Zuneigung, ich fühle die Liebe, ich habe den Sinn meiner Ängste verstanden.
Ich bin ein Mann!
Walter Gelz




