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Kein Astrologe und auch kein Psychiater kann ein Leben und ein Schicksal auf einer höheren Ebene deuten als die, auf der er selbst steht.
Dane Rudhyar
Glücklicherweise leben wir heute in einer aufgeschlossenen Zeit und die Menschen, die Astrologie praktizieren, spirituelle Zirkel bilden oder geistiges Heilen ausüben, werden höchstens belächelt, glücklicherweise aber nicht mehr verfolgt.
Scharlatane gibt es in jeder Berufsgattung und zweifellos scharren sich unter der Fahne der Esoterik manche dubiose Gestalten und die Kritiker erheben ihre Stimme leider oft zu Recht. Im Allgemeinen lässt man jedem die Freiheit, das persönliche Seelenheil und das individuelle Wachstum der Persönlichkeit auf den verschiedensten Wegen zu erforschen.
Die Medien zeigen ein zunehmendes Interesse an allen Formen von okkulten, geistigen und psychischen Themen. Dies legt Zeugnis darüber ab, dass die Arbeit des Astrologen nicht mehr im dunklen Kämmerlein ausgeübt werden muss, sondern auch die Öffentlichkeit vermehrt an der Erforschung der menschlichen Psyche und des inneren Wachstums Interesse zeigt.
Die psychologische Astrologie, die sich auf das Seelenleben des individuellen Menschen bezieht, hat immer mit Transformation zu tun.
Mit anderen Worten, sie ist ein geeigneter Weg die ständigen Wechsel, Wachstums- und Verfalls-Perioden, die in der Natur für jedermann sichtbar sind, auf den Menschen übertragen, wahrzunehmen und eine Perspektive darüber zu gewinnen, welche Erfahrungen im unaufhörlich sich verändernden Leben eines Menschen in die gesamte Struktur der Persönlichkeit passt.
In unserer modernen Kultur gibt es leider keine Einweihungsriten, wie sie in vielen „primitiven“ Kulturen noch heute praktiziert werden, die die persönliche Transformation vom Jugendlichen zum Erwachsenen einläutet, um damit gründlich und schnell die Kindheitsbande zu den Eltern zu lösen.
Statt dessen versuchen wir, während einer sich lange hinziehenden Entwicklungsphase, uns selbst zu beweisen, dass wir erwachsene, unabhängige und selbständige Wesen sind.
Anstelle von Einweihungszeremonien und Mythen, die während dieser schwierigen Phase des Übergangs Schutz bieten sollen, haben wir nichts, ausser der fragwürdigen Genugtuung, endlich den Führerschein machen zu können und das Stimmrecht ausüben zu dürfen.
Da wir keinen Übergangsritus vom Jugendlichen zum Erwachsenen kennen, erstreckt sich diese Transformation oft über Jahre, bis ins dritte oder vierte Jahrzehnt oder in manchen Fällen werden die Kindheitsstrukturen und –bedürfnisse nie ganz abgeschlossen.
Die Zeiten der Transformation sind für alle Menschen mit psychischem Stress und nicht selten mit traumatischen Erlebnissen verbunden, weil wir nur unzureichend vorbereitet mit Lebenssituationen konfrontiert werden, die wir ohne Hilfe, allein kaum bewältigen können.
Plötzlich müssen wir grundlegende Entscheidungen selbst treffen, müssen uns dem Leben stellen und auf die eigenen Resourcen zurückgreifen.
Dies ist oft schwierig, vor allem wenn die Ursprungsquelle nur spärlich floss und uns nur unzureichend genährt hat.
Die ungewohnten Pflichten überfordern und ängstigen uns. Viele laufen vor der eigenen Verantwortung davon, flüchten in Drogen oder Alkohol oder ergreifen eine ungeeignete Arbeit, die nicht befriedigt.
In einer Gesellschaft, in der wir selbst den besten Weg der Einweihung und Transformation finden müssen, spielt die Astrologie eine wertvolle Rolle.
Sie ist ein wichtiges Werkzeug, das auf vielfältige Weise genutzt werden kann, um das individuelle Leben durch die Transformationen und die entscheidenden Übergänge zu führen.
Das Horoskop gibt Einblick in soziale Rollen, elterliche Einflüsse und kindlich, emotionale Verknüpfungen und zeigt den Weg zum individuellen Bedürfnis jedes Einzelnen.
Es kann ein brauchbares Gerüst, einen tieferen Sinn und das notwendige Verständnis dafür liefern, dass jede schmerzvolle Erfahrung auf dem Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenen eine wichtige Bedeutung hat.
Der Prozess des Erwachsenwerdens konfrontiert uns mit den Härten des Lebens und dabei geht es um Disziplin, Pflicht und Selbstverantwortung. Begriffe, deren Bedeutung jedem ziemlich klar sein sollten.
Prinzen und Prinzessinnen aus der Phantasiewelt haben im Leben der Erwachsenen keine Bedeutung mehr. Niemand lebt für ewige Zeiten glücklich weiter, dies lernen wir schon ziemlich früh.
Wir müssen uns selbst darum bemühen, dass unsere Beziehungen zu anderen Menschen funktionieren.
Beziehungen anknüpfen und diese aufrechterhalten ist ein Grundbedürfnis des Lebens.
Doch mit wachsender Lebenserfahrung erkennen wir, dass diese anderen, Gatte oder Gattin, Sohn oder Tochter, Freund oder Geschäftspartner für uns immer Fremde bleiben werden, deren Motivationen wir nicht kennen und deren Handlungen uns oft enttäuschen.
Dies bedeutet, dass wir positive und negative Erfahrungen machen müssen, die nicht nur die Komplexität der menschliche Psyche, sondern des ganzen Universum widerspiegeln. Letztendlich beruht unser Leben und alles, was wir kennen auf Gegensätzlichkeiten.
Kein Aspekt des Lebens wäre in seiner Bedeutung erkennbar, wenn er sich nicht von anderen unterscheiden würde.
Der bestehende Unterschied macht unsere Persönlichkeit aus und grenzt unsere individuelle Identität gegenüber anderen ab.
Schon seit Anbeginn waren Beziehungen ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung des Lebens. Doch dank der Ergebnisse der Psychologie der letzten Jahrzehnte, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Beziehungen nicht nur dazu dienen, der Einsamkeit zu entfliehen, die Fortpflanzung der Spezies Mensch zu sichern oder materielle Sicherheit zu gewinnen.
Sie sind ebenso wichtig für die Entwicklung des individuellen Bewusstseins und zum Verständnis der eigenen existenziellen Bedeutung.
Niemand weiss wie er aussieht, bevor er sich im Spiegel anschaut und dies gilt nicht nur für das physische, sondern auch für das psychische Bild.
Heute wird viel vom Zeitgeist des Wassermanns gesprochen und man schreibt diesem Zeitalter das Streben nach grösserem inneren Wissen zu.
Dieses zentrale Motiv der Erkenntnis von innerem Reichtum, im Gegensatz zu den äusseren Werten, denen wir zu viel Gewicht beimessen, führt uns auf direktem Weg zur Suche nach dem Sinn und Zweck unseres Daseins.
Die bedeutende Bewusstseinsveränderung der Menschheit und der Eintritt in ein neues Zeitalter haben scheinbar nur sehr wenig mit der subjektiven Verwirrung und den Problemen zu tun, die sehr viele Menschen in ihren Beziehungen erleben.
Verlässt ein Mann seine Frau wegen einer Geliebten oder kämpft eine Frau gegen frigide, sexuelle Unzulänglichkeit, die eine erfüllte, glückliche Partnerschaft unmöglich macht, wird die Mitteilung, dass ein neuer Zeitgeist wirksam werde, wenig zu einer Verbesserung der Beziehung beitragen.
Es ist schon viel davon geredet worden, dass die Scheidungsraten ständig steigen. Sicher ein Anzeichen dafür, dass die alten Werte und Normen der Moral, die viele Jahrhunderte die Stütze unserer Gesellschaft waren, sich auflösen und für die jüngere Generation ihre Bedeutung mehr und mehr verlieren.
Unser heutiges sexuelles Verhalten, das mehr an Sodom und Gomorra erinnert, als an eine zivilisierte Gesellschaft, weist mit Sicherheit darauf hin, dass wir die Kriterien, nach denen wir unsere Beziehungen definieren, ändern müssen.
Wir alle kommen nicht daran vorbei, uns zu überlegen, wie in Zukunft die Beziehungen untereinander aussehen sollen.
Wie viel Freiheit, Individualität und Nonkonformismus verträgt eine Ehe, um noch als funktionierende Gemeinschaft zu gelten? Ist Monogamie noch zeitgemäss oder müssen wir lernen sexuelle Eskapaden des Partners zu tolerieren? Ist das Wort Treue so altmodisch und altbacken, dass wir es aus dem Duden streichen müssen?
Parallel zu den persönlichen Beziehungsmustern ändern sich in rasender Geschwindigkeit auch die zwischenmenschlichen Begegnungen im Alltag. Und diese sich ändernden Verhältnisse tragen nicht gerade zur Lösung des Problems bei.
Die elektronischen Medien überraschen uns fast täglich mit neuen Erkenntnissen und Errungenschaften. Die Zeit scheint nicht mehr fern, wo alles von zu Hause aus per Tastendruck erledigt werden kann.
Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die dadurch frei werdende Zeit dazu genutzt wird, Freundschaften und Beziehungen intensiver zu pflegen oder sich vermehrt mit den Kindern zu beschäftigen. Aber Hand aufs Herz, wie viele von uns tun das?
Die Faszination des Internets, wo in Sekundenschnelle die ganze Welt auf den Bildschirm geholt werden kann und sogar der Blick in fremde Schlafzimmer möglich ist, übt einen starken Sog aus. Unpersönlich und ohne Verpflichtung werden weltweit Verbindungen angeknüpft, die genau so schnell wieder beendet werden können.
Die schnelllebige Zeit erfordert einen flexiblen Geist und die Bereitschaft, mit den neuen Möglichkeiten bestmöglich und verantwortungsbewusst umzugehen.
Nicht jedem gelingt das auf optimale Weise, die Sensibleren unter uns fühlen sich zutiefst verunsichert.
Durch die allgemeine Technisierung, mit der auch unsere alltäglichen Pflichten auf ein zeitliches Minimum reduziert und Einkäufe am häuslichen Computer erledigt werden können, verliert der persönliche, zwischenmenschliche Kontakt immer mehr an Bedeutung.
Per Mausklick verbinden wir uns mit der ganzen Welt, doch ist der unpersönliche und unverbindliche Kontakt auf dem Bildschirm sicher kein Ersatz für eine echte, menschliche Beziehung.
Die Transformation zu einem höheren Bewusstsein wird nur durch die direkte Auseinandersetzung mit einem lebendigen Gegenüber eingeleitet, auch und insbesondere dann, wenn die Meinungen weit auseinandergehen.
Vielleicht müssen wir unsere alten Märchenbücher wieder hervorholen und entstauben.
In alten Mythen und Märchen liegt viel Wahrheit und Weisheit, die in uns mehr, als nur den Intellekt ansprechen.
Wenn ein Märchen davon erzählt, dass Prinz und Prinzessin „noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind“, so ist dies symbolisch zu verstehen und hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für unsere Welt des Unbewussten.
Wenn der Ritter mit dem Drachen kämpft, einen bösen Zauberer erschlägt, die Macht der bösen Stiefmutter zerstören muss, haben diese heroischen Taten für unsere Seele symbolisch grosse Bedeutung und wir können viel darüber erfahren, welche Hindernisse wir auf dem zurückgelegten Weg überwunden haben, wenn wir den Prinzen oder den Ritter mit anderen Augen betrachten.
Mythen und Märchen sind wichtige Wegweiser für die Reise in unser inneres, unbekanntes Reich. Vor allem in Zeiten der Transformation spiegeln sie durch ihre Darstellung von Hindernissen und Kämpfen, denen der suchende Held ausgesetzt ist, unsere eigenen Schwierigkeiten wider, denen wir auf unserer inneren Reise begegnen.
Damit wir die Ebene der Wirklichkeit mit den unschuldigen Augen eines Kindes betrachten können, müssen wir vielleicht hinab- und nicht heranwachsen. In der Welt unserer Psyche finden wir Wahrheiten, die, unabhängig von den materiellen und sichtbaren Gegensätzen, bestehen.
Zur Innenschau brauchen wir den Mut der Prinzen und Ritter aus dem Märchen, um den persönlichen Drachen und den bösen Zauberern entgegentreten zu können.
C.G. Jung besass, als anerkannter Arzt und Seelenforscher, den Mut, sich eingehend mit Astrologie zu befassen und die Konstellationen der Sterne mit der Konstellation der menschlichen Seele zu vergleichen.
Seine jahrelangen Forschungen führten über die griechische Mythologie und die germanischen Märchen, zu einer Synthese, auf der die umfassenden Methoden, der heute angewandten modernen, psychologischen Astrologie aufgebaut ist.
Durch seine Arbeit verfügen wir über ein besseres Verständnis der menschlichen Psyche. Wahrscheinlich brauchen wir alle den Mut, mit diesem neuen Werkzeug ohne Vorurteile zu arbeiten, vor allem wenn diese Werkzeuge uns zu einem sinnvolleren Leben führen und uns helfen, sinnvollere Beziehungen untereinander aufrechtzuerhalten.
Die Suche des Prinzen aus dem Märchen enthält für uns einige überraschende Erkenntnisse, nämlich dass jeder von uns, sowohl der Prinz selbst, als auch der feuerspeiende Drache, die böse Stiefmutter, wie auch der hilfreiche Freund und die selbstlose Geliebte ist.
Ebenso sind wir auch der Suchende und Erzählende, der Feind und der Retter und alles zusammen zu gleicher Zeit.
Marlis Bär




