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Gschichten, die das Leben schreibt. Wir alle haben schon solche Erlebnisse gehabt. Dinge, über die wir uns im Nachhinein amüsieren oder den Kopf schütteln.
Vor einiger Zeit hatte unsere Mitarbeiterin Maria Santaterra ein solches Erlebnis.
Lesen Sie ihre Geschichte und schmunzeln Sie mit uns zusammen.
EINE UNVERGESSLICHE NACHT?
Ausgestreckt, mit einer warmen Decke über meinem Körper, liege ich im Wohnzimmer auf dem Sofa und starre in die Flammen des Kaminfeuers.
Draussen regnet es in Strömen, die Tropfen trommeln gegen die Fensterscheiben.
Ich habe einen absolut stressigen Horrortag hinter mir. Alles, was ich in die Hände genommen, gesagt und getan habe, ging schief. Und jetzt liege ich hier, lasse alles noch einmal Revue passieren und fühle mich ziemlich deprimiert.
Mein Mann sollte auch längst zu Hause sein, es ist schon nach Mitternacht. Ich frage mich, ob ich überhaupt zumutbar bin, mit meiner schlechten Laune.
Der Regen wird immer intensiver...ich höre sein Auto — endlich ist er da.
Ich hoffe, dass er noch Zigaretten hat. Seit Stunden ist mein Päckchen leer.
Er kommt zur Tür rein... kein Lächeln, ...kein Gruss. Sein Blick bleibt irgendwo im Raum hängen...
Dann dreht er sich um, geht in die Küche und schliesst die Tür hinter sich.
Hey, was ist denn dem für eine Laus über die Leber gelaufen?
Ich folge ihm und frage ihn nach seinem Tag.
Er antwortet mir mit einem einfachen „Gut“
Womit habe ich das nur verdient? Was um Himmels willen habe ich heute angestellt, dass ich so behandelt werde?
Draussen regnet es immer stärker, - das geht mir auch auf die Nerven.
Ich schaue ihn an, aber er hebt noch nicht einmal den Kopf! Fragt mich nichts, sagt nichts...!
Hat er wirklich nicht bemerkt, in was für einem Zustand ich mich befinde?
Er sitzt am Tisch, isst, was ich ihm warmgehalten habe und liest die Zeitung.
„Gibst du mir eine Zigarette?“ „Habe keine mehr“, brummt er kurz und wendet sich wieder seiner Zeitung zu.
Nach einem Blick auf die Uhr, es ist bereits nach eins, frage ich, ob er vielleicht noch rasch ein Päckchen kaufen geht. Doch mein heissgeliebter Gatte schüttelt nur stumm den Kopf.
So, jetzt reicht’s! Dies war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
„Dann gehe ich halt selbst. Die Stimmung hier ist mir sowieso zu mies“, entgegne ich ihm wütend.
Ich laufe aus der Küche und schlage die Tür hinter mir zu. Im Schlafzimmer angekommen, öffne ich die Türen zu meinem Kleiderschrank.
‚Was soll ich nur anziehn. In dem alten Jogginganzug gehe ich sicher nicht aus dem Haus.
Ah, da sind sie ja.’
Ich schlüpfe in meine Lieblingsjeans, drehe mich nach allen Seiten um, weil ich das weisse T-Shirt nicht finden kann. So schlecht, wie ich heute drauf bin, würde ich vermutlich am Strand noch nicht mal das Meer finden.
In der untersten Schublade der Kommode taucht das Hemd auf. Ich streife es über, kämme mir rasch die Haare und ziehe mir die Lippen nach. So, das ist genug!
Als ich an der Haustür ankomme, greife ich nach meiner Handtasche und den Schlüsseln.
Was für ein Tag!
Ich öffne die Tür und habe sofort das Gefühl in der letzten Sintflut gelandet zu sein. Kaum draussen, bin ich schon tropfnass. Egal! Schnell steig ich ins Auto, starte den Motor und drehe die Heizung auf.
Es ist Frühling, aber der Kälte nach zu urteilen, könnte man glauben, es wäre Januar.
Hoffentlich finde ich noch ein Lokal, das geöffnet ist. Ich lebe zwar schon lange in dieser Stadt, aber noch nie war ich mitten in der Nacht auf der Suche nach Zigaretten.
Die Strassen sind dunkel, auch das ist mir noch nie so recht aufgefallen. Wie fremd einem die vertraute Umgebung werden kann.
Nach ein paar Minuten Fahrt sehe ich ein Lokal, dessen Aussenbeleuchtung noch brennt.
Wie komme ich jetzt aus dem Auto, ohne noch einmal völlig durchnässt zu sein? Ausserdem frage ich mich, wo ich überhaupt bin. Ich bin völlig kopflos abgefahren und habe überhaupt nicht auf den Weg geachtet. Hier, in dieser Strasse war ich jedenfalls noch nie.
Naja, das spielt jetzt keine Rolle. Ich gehe jetzt da rein und kaufe mir meine Zigaretten. Das ist alles, was ich will. Den Weg nach Hause finde ich dann schon wieder.
Als ich das Lokal betrete, schlägt mir eine Wolke aus Rauch und Alkoholdunst entgegen. Mein Gott, was für ein markabres Ambiente.
Ich steuere auf einen der Barhocker zu, setze mich. Ein Barmann tritt zu mir und fragt mit einem süffisanten Lächeln: „Hey Kleine, was möchtest du trinken?“
Ohne darüber nachzudenken antworte ich: „Einen Prosecco... und starren sie mich gefälligst nicht so an!“
Eigentlich wollte ich gar nichts trinken, was ist nur mit mir los? Ich fahre mitten in der Nacht in der Gegend herum, um Zigaretten zu kaufen, stolpere in eine zwielichtige Bar, lasse mich vom Barkeeper blöd anquatschen und schnauze ihn dann auch noch an. Was ist heute nur in mich gefahren?
Mein Blick bleibt an vier Typen haften, die um einen Tisch sitzen und Tequila trinken. Auch die erscheinen mir ziemlich suspekt.
„Bitte schön, dein Prosecco, Süsse“, raunzt mir der Barkeeper ins Ohr. Ecklig, dieser Typ!
Aber ich bin ja selbst schuld.
„Danke“ , ich schaue ihn gar nicht an.
Ich nippe an meinem Drink und sehe plötzlich, dass sich einer der Männer erhebt und in meine Richtung schlendert.
Er sieht richtig schleimig aus; trägt alte, abgewetzte und ungewaschene Jeans und seine Haare sind fettig. Er bleibt neben mir stehen. „Bist du allein? Möchtest du vielleicht, dass ich dir heute Nacht Gesellschaft leiste?“ Mir dreht’s fast den Magen um. Ich versuche ihn zu ignorieren, wende mich an den Barmann. „Ich hätte gern eine Schachtel Marlboro und dann möchte ich zahlen!“
Der Barmann bringt mir die Zigaretten, mit einem Lächeln, das er wohl für verführerisch hält. Hastig zahle ich meine Zeche und verschwinde von hier.
Draussen giest es immer noch, wie aus Kübeln. Es scheint, als hätte sich der Himmel geöffnet.
Als ich im Auto sitze, öffne ich mit fliegenden Fingern die Zigarettenschachtel. Wo ist jetzt nur wieder das Feuerzeug? Als ich es gefunden habe, zünde ich mir eine Zigarette an und nehme einen tiefen Zug. Ich lehne mich im Sitz zurück und rauche, während ich mir die Strasse und das Leben in dieser Strasse betrachte.
Mein Blick fällt auf das Schaufenster einer Boutique. Ich sehe eine Schaufensterpuppe in Frauengestalt. Was für ein hübsches Kleid. Schwarz, kurz, einfach geschnitten, aber sehr raffiniert. So ein Kleid...ein Traum!
Aber jetzt betrachte ich mir die Puppe genauer. Der starre Gesichtsausdruck, das starke, übertriebene Make-up... fast wird mir ein bisschen unheimlich zumute. Sieht schon sehr menschlich aus. Warum lächeln eigentlich Schaufensterpuppen nie? Wenn ich Dekorateur wäre, meine Puppen würden lächeln. Sie wären freundlich und würden lächeln.
Aber die hier..,die passt wirklich zu meiner eigenen Laune heute.
Und dann, was ist das, irgendwie habe ich das Gefühl, hinter der Puppe bewegt sich etwas. ‚Ach woher, das ist doch nur Einbildung.’ Vermutlich sind meine Nerven etwas überreizt heute. Ist ja auch kein Wunder, bei so einem Tag...
Dennoch ziehe ich es vor, von hier zu verschwinden. Mensch, wenn ich nur wüsste, wo ich eigentlich bin. Ich biege in irgendeine Strasse ein, in der Hoffnung, etwas zu entdecken, das mir wenigstens ein kleines bisschen bekannt vorkommt. Was ist das jetzt wieder für ein Viertel? Ich bin doch tatsächlich mitten im Nachtleben gelandet.
Ich sehe Prostituierte auf Kundenfang, Männer, die mit gesenkten Köpfen und schnellen Schrittes durch die Strasse laufen und ab und zu einen Blick riskieren. Hier bleibt einer bei einer der Frauen stehen. Ob die beiden jetzt wohl verhandeln? Preis..., Ort..., ich möchte mir gar nicht mehr vorstellen.
Ich spüre, dass das Leben, das diese Frauen führen, Lichtjahre entfernt ist von meinem.
Vor einer Bar mit roter Leuchtreklame und Fotos nackter Frauen in einer Vitrine, steht ein Mädchen, das nicht älter als 18 Jahre sein kann.
Minirock..., hochhackige schwarze Stiefel..., eine kurze Lederjacke. Viel zu dünn für dieses Wetter. In der einen Hand hält sie einen überdimensional grossen Regenschirm, in der anderen eine Zigarette, an der sie gierig zieht.
Ich fahre sehr langsam jetzt und beobachte einen nicht mehr ganz so jungen Mann, der sich ihr von der anderen Strassenseite her nähert.
Die beiden beginnen miteinander zu reden, der Typ gestikuliert heftig. Ich bremse das Auto soweit wie möglich ab. Doch, was ist das? Er hat ihr gerade eine Ohrfeige gegeben. Nein, so nicht! Nicht, wenn ich das mitansehen muss!
Eine innere Stimme sagt mir: „Halt dich da raus, das ist nicht dein Problem. Du wolltest nur Zigaretten kaufen. Die hast du jetzt, also geh nach Hause!“
Trotzdem, warum weiss ich auch nicht, bin ich schon aus dem Auto gestiegen. Ich laufe zu den Beiden hin.
„Hey, lass sie in Ruhe! Was fällt dir eigentlich ein, eine Frau zu schlagen? Spinnst du?“
Während ich den Kerl anschreie, versuche ich, ihn von ihr wegzuziehen. Er dreht sich zu mir um, schaut mich erstaunt an und versetzt mir einen Stoss, dass ich fast zu Boden falle. Das Mädchen weint: „Hör auf, Ricky, lass die Frau in Ruhe!“
In dem Moment biegt ein Polizeiauto um die Ecke. Es stoppt, die beiden Polizisten steigen aus und kommen angerannt. Wegen des starken Verkehrs müssen sie aber dennoch einen Augenblick am Strassenrand warten. Diese Gelegenheit nutzt der Zuhälter und verschwindet. Als ich mich zu dem Mädchen umdrehen will, sehe ich, dass auch sie das Weite gesucht hat.
Ich stehe im Regen, wie ein begossener Pudel und frage mich, was ich eigentlich hier mache.
Ich wollte nur ein paar Zigaretten. Nebst den Zigaretten habe ich einen schmierigen Typen in einer Bar kennengelernt, der sogleich die Nacht mit mir verbringen wollte, einen Barmann, der mich auf der Stelle verkauft hätte, ich sah eine Schaufensterpuppe, die mir solche Angst eingejagt hat, dass ich beschlossen habe, meinen Beruf zu ändern und Schaufensterdekorateur zu werden und zu guter Letzt fange ich auch noch eine Prügelei mit einem Zuhälter an.
Ich stehe hier, versuche mich unter dem Dachvorsprung der Bar ein wenig vor dem Regen zu schützen und zünde mir noch eine Zigarette an.
Mittlerweile regnet es nicht mehr ganz so stark. Man kann fast glauben, die Wolken würden aufreissen.
Ich habe einiges erlebt in dieser Nacht. Ein bisschen muss ich lachen. Über die Schaufensterpuppe, über die Männer in der Bar, über diese unmögliche Situation gerade eben.... vor allem aber über mich selbst.
Am besten wird es sein, ich fahre jetzt nach Hause. Die Wut auf meinen Mann ist verraucht und den anstrengenden Tag habe ich auch schon vergessen - die Nacht war ohnehin sehr viel anstrengender. Vielleicht höre ich sogar auf zu rauchen!
MARIA




