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HILEDEGARD VON BINGEN ( 1098 — 1179 )
In Ihrer Biografie schreibt Hildegard: „Im Jahre 1100 nach der Menschwerdung Christi begann die Lehre der Apostel und die glühende Gerechtigkeit, die er in den Christen und Geistlichen grundgelegt hatte, nachzulassen und geriet ins Schwanken. Zu jener Zeit wurde ich geboren, und unter Seufzen haben mich die Eltern Gott geweiht.“
Die Jahrhundertwende war eine schwere Zeit für die Menschen. Es waren die Jahre der Kreuzzüge. Mordlust und Gier führten das Zepter. Angst vor einer Zukunft, liess Zehntausende in den, mehr Strenge, Zucht und Gottesnähe suchendenden Zisterzienser-Orden eintreten.
Hildegard wurde 1098, als zehntes Kind der Edelfreien von Bermersheim, geboren. Ihre Mutter Mechthild, geb. von Merxheim, und ihr Vater Hiltebertus gaben ihr den Namen die „Kampfkühne“, weil Ihr Lebenskampf mit den ersten Atemzügen schon begann.
Hildegard war acht Jahre das grosse Sorgenkind, denn sie kränkelte ständig vor sich hin.
Visionen soll sie ab dem dritten Lebensjahr gehabt haben. So schrieb sie später: „Ich sah ein grosses Licht, so dass meine Seele erbebte, doch wegen meiner Krankheit konnte ich mich darüber nicht äussern“.
Schon als 5-Jährige machte sie die ersten Vorhersagen. Während eines Spazierganges auf dem elterlichen Gut, unter Aufsicht des Kindermädchens, blieb sie vor einer trächtigen Kuh stehen und beschrieb, wie das Kälbchen im Mutterleib aussehe und, welche Farben es bei der Geburt haben werde.
Viele solcher Voraussagen müssen die Amme mit Schrecken erfüllt haben, sodass Hildegard, sie aus Angst für Phantastereien gerügt zu werden, über ihre Wahrnehmungen nicht mehr sprach.
Doch die Visionen wurden stärker und das Mädchen konnte sich nicht mehr darüber ausschweigen. Die Eltern befürchteten, sie sei auch psychisch krank. Die Betrachtungsweise, dass die Visionen nicht unter Ekstase stattfanden, kann diese Zweifel nicht ausräumen.
Gerade im Mittelalter begann eine Periode, in der die Wissenschaften weitgehend stagnierte.
Dass das kränkelnde Mädchen Hildegard sich 1106, im Alter von acht Jahren selbst auf dem Disibodenberg einschliessen liess, um mit Christus begraben zu werden, darf bezweifelt werden.
Hildegard hatte in der Nonne Jutta von Spahnheim eine gebildete Person gefunden, die, nebst dem handwerklichen Können, den Kindern auch das Lesen und Schreiben beibrachte.
Sie selbst blieb aber zeitlebens eine ungebildete Frau; darum schrieb sie über jene Zeit später:
„Was ich nicht sehe, weiss ich nicht, denn ich bin ungelehrt und wurde nur unterwiesen, in Einfalt Buchstaben zu lesen. Und was ich schreibe, dem setze keine anderen Worte hinzu, als es in den Visionen übermittelt wird, in ungefeilter lateinischer Schrift. Bis zu meinem 15.Lebensjahr erzählte ich viele Erscheinungen, die die Anderen sehr schockierten. Ich schämte mich nachher, weitere meiner Visionen zu offenbaren“.
Hildegard wurde durch die Nonne Jutta auf den religiösen Weg geführt, der sie in die Geschichte eingehen liess. Im Jahre 1113, mit 15 Jahren, in einem Alter, da andere Jungfrauen verheiratet wurden, legte sie ihr Gelübde ab.
Nach dem Tod von Jutta, übernahm Hildegard 1136 die Führung des kleinen Frauenklosters. Danach folgten zehn Jahre Stille, in denen sie lediglich einen regen Briefwechsel mit Päpsten, Bischöfen, Herrschern und Gläubigen pflegte.
So kam es, dass ihre Prophezeiungen bekannt wurden und ein grosser Wirbel um sie und das Kloster entstand. Hilfesuchende aus allen Ständen fanden bei ihr Rat.
Um das Jahr 1154 schrieb sie an Kaiser Friedrich. In dem Brief ermahnte sie ihn um seine Pflicht und es kam im selben Jahr sogar zu einem persönlichen Treffen. Allerdings findet man über den Inhalt dieses Gespräches keine Unterlagen.
Als Kaiser Friedrich einen zweiten Gegenpapst einsetzte, Erzbischof Konrad aus Mainz vertrieben wurde und kaiserliche Truppen eine Strafexpedition gegen die Mainzer unternahmen, schrieb die zutiefst enttäuschte Hildegard dem Kaiser in einer harschen Tonart: „Oh König, es ist von Dringlichkeit deiner Handlungen Vorsicht walten zu lassen! Ich sehe dich in meinen Visionen, wie ein Kind, einem unsinnig Lebenden in Gottes Angesicht. Noch bleibt dir Zeit, in irdisch Dingen zu herrschen. Gib acht, dass der höchste aller Könige dich nicht darnieder streckt, wegen deiner Augen Blindheit. Sei so, dass Gottes Gnade nicht in dir erlischt“.
Wenige Jahre danach, der Kaiser folgte stur dem eingeschlagenen Weg , sandte sie ihm erneut einen Brief, wohl den kürzesten, den sie jemals geschrieben hatte: „Der da ist, spricht! Widerspenstigkeit zerstöre ich, Widerstand derer, die mir trotzen, durch mich selbst, zermalme ich. Wehe den Frevlern, die mich verachten! Höre König, wenn du leben willst, sonst wird mein Schwert dich durchbohren!“
Reisen führten Hildegard weit ins Land, sie predigte in Klöstern und auf Marktplätzen und mahnte die Menschen zur Einkehr in Gottes Haus. Wundervolle Heilungen auf ihren Reisen machte die Kunde.
Mit grossem Widerstand seitens der Benediktiner Mönche wurde 1147- 1152 auf dem Rupersberg bei Bingen, auf Hildegards Drängen, das Frauenkloster erstellt, dessen Äbtissin sie wurde. Um die Unabhängigkeit zu bewahren, wurde das Kloster dem Erzbischof von Mainz unterstellt.
In der klösterlichen Schreibstube wurde hart gearbeitet, Kopien der Schriften und Lieder von Hildegard wurden angefertigt, eine Handwerksstube diente der Herstellung liturgischer Webereien und Kleider.
Eine Krankenabteilung rühmte sich bald grosser Heilerfolge. Ein Kräutergarten und eine Apotheke, zur Herstellung von Medikamenten nach eigenen Rezepturen, war selbstverständlich.
Eine Klosterschule unterrichtete adelige Töchter. Hildegard achtete gestreng, dass das soziale Gefüge eingehalten wurde, jedoch für Hausangestellte war das Kloster allen Ständen offen. Diese durften auch Einrichtungen benutzen, nur das Gelübde wurde ihnen nicht abgenommen.
Hildegard wusste von den Problemen und Machtkämpfen in andern Klöstern, darum hielt sie die klare Trennung für notwendig. Auf Drängen aus verschiedenen Kreisen, insbesondere der Äbtissin Tengswich des Nonnenklosters Andernach, entstand ein Zweitkloster in Eibingen, das allen Ständen offen war.
Aus ihrer Erziehung heraus mag Hildegard, den heutigen Standesverständnissen entsprechend, eine unverständliche Meinung gehabt haben, pflegte sie sich doch bei Kritik, auf Gott berufend, zu antworten: „Die Untersuchung über Standesunterschiede steht bei Gott. Er hat acht, dass der geringe Stand sich nicht über den höheren erhebe, wie Satan und der erste Mensch getan, da sie höher fliegen wollten, als sie gestellt waren. Welcher Mensch sammelt eine ganze Herde in einem Stall, Schafe, Ochsen, Esel, und Böcke, ohne dass sie auseinander liefen? Gott hat dem Volk auf Erden Unterschiede gesetzt, wie er auch im Himmel Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Cherubin und Seraphin gesondert hat. So steht geschrieben, Gott verwirft nicht die Machthaber, da er selbst Machthaber ist.“
Die schwerste Zeit ihres Lebens hatte Hildegard zwei Jahre vor ihrem Tode durchzustehen, drohte doch dem Kloster die Untersagung der Gottesdienste, weil sie sich den Kirchensitten widersetzte. Die lebenslange Krankheit und die Geschehnisse der letzten beiden Jahre aber hatten sie derart geschwächt, dass sie im selben Sommer nur noch mit Hilfe der Schwestern aufstehen konnte.
In den frühen Morgenstunden des 17. September 1179 , es war ein Montag, schlief Hildegard von Bingen für immer ein.
Ein Pilgerstrom an ihre Grabstätte setzte ein. In der Hoffnung, es würden an ihrem Grabe Wunder geschehen, kamen Kranke und Fürbittende auf den Rupersberg. Jedoch die Wunder blieben aus und Hildegard blieb jahrelang in Vergessenheit.
Zurück blieben ihre Werke und Schriften. Die des Notenschreibens unkundige Hildegard übermittelte zu ihren Lebzeiten, auf Grund von Visionen, Lieder und Singspiele und verfasste zudem mehrere Bücher. Ebenso wurden Heilkräuteranwendungen, Familienplanung und Hygieneempfehlungen durch sie verbreitet.
Die Bücher sind für den Laien schwer verständlich geschrieben, da sie selbst von ihren Sekretären verlangte, sie gemäss ihren Visionen niederzuschreiben.
Emanuel Xeron Waldes




