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Lange Zeit waren die Weinfreunde eher skeptisch: „Wein aus natürlichem Anbau — schmeckt der denn überhaupt? Bestimmt ist sein Geschmack ganz anders!“
Heute schwärmen die Liebhaber eines guten Tropfens: „Hmmmmh, das ist Wein aus ökologischen Anbau...“
Der natürliche Weinbau findet inzwischen immer mehr Anhänger unter den Weinliebhabern.
Und: Immer mehr Winzer stellen ganz darauf um oder testen an einem Teil ihres Weinbergs den natürlichen Weinbau, da sie eine Umstellung für die Zukunft planen.
Er hatte es damals noch sehr schwer: Die Bewohner des rheinhessischen Dörfchens Mettenheim, wo er seinen 15-Hektar grossen Familienbetrieb hatte, schimpften ständig über seine unordentlichen Weingärten, in denen zwischen den Reben Gras und blühende Pflanzen wucherten.
Die anderen Winzer nahmen ihn und seinen Wein nicht ernst und meinten boshaft „sein Wein wäre doch höchstens etwas für Müsli-Freunde“.
Und die Konsumenten zweifelten, dass der Wein aus natürlichem Anbau wirklich schmecken würde.
Doch Otto-Heinrich Sander, der bereits Anfang der 50er Jahre seinen Betrieb nach und nach auf natürlichen Weinbau umstellte und dadurch zum ersten Öko-Winzer Deutschlands wurde, hielt tapfer durch. Mittlerweile hat sein Sohn Gerhard seine Arbeit konsequent fortgesetzt und inzwischen führt auch sein Enkel Stefan den ökologischen Weinbau weiter, der sich in den bekannten europäischen Weinanbaugebieten, wie beispielsweise Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, der Schweiz, aber vor allem in Deutschland, immer mehr verbreitet.
Viele renommierte Weingüter, beispielsweise der Deutsche Michael Prinz zu Salm-Salm, Besitzer des Weinguts Schloss Wallhausen an der Nahe und Präsident des Verbands Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP), Wolfgang Graf zu Castell aus Franken, der mit 60 Hektar Reben, die nach den Grundsätzen des natürlichen Weinbaus bewirtschaftet werden, den grössten Öko-Betrieb in Deutschland besitzt oder der Franzose Nicolas Joly, der an der Loire einen der besten Weissweine der Welt macht und 1980 seinen gesamten Betrieb auf natürlichen Weinbau umgestellt hat, was damals für konservative Weintrinker ein Sakrileg war, haben sich mittlerweile für den natürlichen Weinbau entschieden.
Die Umstellung vom normalen auf den natürlichen Weinbau geschah damals bei
Otto-Heinrich Sander anfangs eher zufällig, als gewollt: Immer wieder schwemmten Gewitter und starke Regenfälle die Erde aus seinen Rebzeilen.
Da kam dem Winzer die Idee, Gras zwischen den Stöcken wachsen zu lassen.
Dann stellte er fest, dass die herkömmlichen, chemischen Spritzmittel, neben Schädlingen, auch natürliche Nützlinge vernichten und dadurch Schädlinge und Krankheiten sogar begünstigt wurden. Also beschloss er, künftig statt des industriellen Stickstoffdüngers, nur noch kompostierten Mist zu verwenden und zur Bekämpfung der Krankheiten an seinen Weinreben nur noch ungiftige Substanzen zu verwenden.
Schon recht bald konnte er feststellen, dass Schädlinge, wie früher, natürliche Feinde, die sie vernichteten, fanden.
Diese Vorzüge des natürlichen Weinbaus, die Otto-Heinrich-Sander schon vor 50 Jahren entdeckt hat, haben mittlerweile viele Winzer erkannt.
Sie haben begriffen, dass die Weinrebe eine besonders anspruchsvolle Pflanze ist, die wenig Chemie, aber viel Aufmerksamkeit und Pflege — viel mehr als andere Obstkulturen - braucht.
Deshalb ist der natürliche Weinbau viel besser für sie geeignet, als der konventionelle. Die Qualität der Traube und somit auch des Weines verbessert sich dadurch erheblich.
Die Motive, die Erzeuger bewegen, die, nicht risikolose, Umstellung zum Nutzen der Natur zu wagen, die in der ersten Zeit meist schwerwiegende Einbussen in der Weinernte mit sich bringt, sind unterschiedlich:
Manche Winzer haben es gemacht, weil sie durch das Spritzen enorme gesundheitliche Probleme bekamen. Andere sind davon überzeugt, dass durch den schonenderen Umgang mir der Natur, die Qualität des Weines verbessert wird, was auch der Fall ist. Wieder andere betrachten den Boden als ein Teil der Schöpfung, den man pfleglich behandeln muss und sie haben sich deshalb dafür entschieden, keinerlei Mittel zu verwenden, die der Umwelt, unserer Lebensgrundlage schaden könnten.
Und viele sehen den natürlichen Weinbau als neuen Trend, dem sie folgen wollen.
Der natürliche Weinbau, der zwar immer noch eine Minderheit darstellt, ist in den vergangenen Jahren populär und gesellschaftsfähig geworden.
Der Handel interessiert sich mittlerweile für diese Weine. Die Weintrinker haben sich vom Vorurteil der Wein aus natürlichem Anbau könne anders oder sogar schlechter schmecken, inzwischen befreit.
Heute ist es ihnen sogar wichtig, zu wissen, was der Wein beinhaltet, wie er hergestellt wurde und, wie es mit seiner Umweltfreundlichkeit steht.
Die renommierten Nobelclubs der Weine, beispielsweise der Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP) gründeten gemeinsam mit Ökologischen Verbänden Fachgruppen und haben den Öko-Wein schätzen gelernt.
Und: Seit 1987 darf ausserdem die Mitgliedschaft in einem Öko-Verband auf dem Etikett des Weines deklariert werden, was den Weinen aus natürlichem Weinbau einen gewaltigen Aufschwung gebracht hat.
Doch natürlicher Weinbau, was ist das eigentlich?
Was unterscheidet ihn vom konventionellen Weinbau, dem Weinbau, der sich im Laufe der letzten hundert Jahre entwickelt und durchgesetzt hat? Was ist weiterhin gleich?
Früher wurden die Reben im Januar und Februar beschnitten.
Heute fängt man bereits im Dezember an, wenn die Temperaturen unter Null Grad gesunken sind und die Rebpflanze ihren Stoffwechsel eingestellt hat. Dabei werden die Fruchtruten des letzten Jahres, also, die inzwischen verholzten Sommertriebe abgeschnitten — bis auf einen oder zwei. An diesen sollen sich im nächsten Jahr die Sommertriebe entwickeln.
Der richtige Zeitpunkt für den Winterschnitt muss gut überlegt werden. Ein frisch beschnittener Weinstock ist besonders frostanfällig, doch schneidet der Winzer zu spät, geht kostbare Energie für Teile der Pflanze verloren, die später abgeschnitten werden.
Die abgeschnittenen Fruchtruten werden entweder verbrannt oder zur Bodenverbesserung liegen gelassen.
Zweck des Rebschnitts ist die Ertragsbegrenzung zugunsten höherer Qualität.
Im Februar und März, wenn die Tagestemperaturen etwa 10 Grad erreichen brechen die Augen auf und der Austrieb der Blätter beginnt. Gleichzeitig setzt das Wachstum der Triebe ein. Wenn die Triebe eine ausreichende Länge haben, werden sie noch einmal beschnitten und dann halbbogenförmig an den Draht gebunden, damit die Früchte später optimale Wachstums- und Reifebedingungen vorfinden.
Besonders schnell wachsende Triebe müssen später an den Spitzen gekürzt werden. Sie verbrauchen sonst mehr Energie, als sie produzieren können.
An anderen Stellen des Rebenspaliers muss das Blattwerk immer wieder ausgedünnt werden.
Ausserdem werden Wasserschosse, das sind Triebe, die aus dem alten Holz spriessen, entfernt und die Spitzen der Geiztriebe gekürzt.
Das alles ist beim natürlichen und beim konventionellen Weinbau vollkommen identisch. Im März, wenn die Temperaturen ansteigen, wird der Boden zwischen den Rebzeilen tiefgepflügt. Die Erde muss gelockert werden. Die unteren Bodenschichten brauchen Luft, damit die Mikroorganismen sich entwickeln können und Feuchtigkeit gespeichert wird. Später, im Juni, wird ein zweites Mal gepflügt. Diesmal geht es darum, das wilde Kraut, das inzwischen in den Rebzeilen wuchert, unterzupflügen, zu mulchen, denn es nimmt den Reben Nährstoffe und Oberflächenwasser weg. Im Boden dient das Grün der Humusbildung.
Viele Winzer des konventionellen Weinbaus ersparen sich das Mulchen durch die Verwendung von Unkrautvernichtungsmitteln.
Der Nachteil: Durch sie verschwinden auch wichtige Insekten und Bodenbakterien aus dem Weinberg.
Die Winzer, die natürlichen Weinbau betreiben, fördern dagegen das Wachstum von Pflanzen zwischen den Rebzeilen. Dadurch wird die natürliche Bodenfruchtbarkeit gefördert.
Die Begrünung der Weinberge lockert den Boden, verhindert Erosion und dient, durch späteres Unterpflügen der Humusbildung. Der Einsatz von Unkrautvernichtern ist für sie absolut tabu.
Die Bodenbearbeitung unterscheidet sich im natürlichen Weinbau ansonsten nur unwesentlich von der des konventionellen. Da der Weinbergboden allerdings nicht offen gelassen wird, beschränkt sich die Bodenbearbeitung auf das Wenden der Krume nur beim Umbruch zur Einsaat einer neuen Begrünung. Sonst wird der Boden niemals umgebrochen oder gewendet, die Grünmasse lediglich abgemulcht.
Grossen Wert wird auf die Lockerung des Erdbodens, als Tiefenlockerung ohne Wendung, gelegt.
Um hohe Erträge im Weinberg zu machen, wird im konventionellen Weinbau dem Boden gezielt Dünger zugeführt. Organischer Dünger in Form von Stallmist, Jauche, Klärschlamm und Kompost dient vor allem der Bildung von Nährhumus.
Mineralischer Dünger, der sogenannte Kunstdünger, soll die erschöpften Bodenreserven an Stickstoff, Kalzium, Phosphor und Spurenelementen ersetzen.
Winzer, die nach den Richtlinien des natürlichen Weinbaus anbauen, verzichten ganz auf die Düngung mit Kunstdünger.
Alternativ wird organischer Dünger, beispielsweise Gesteinsmehl, Stroh, Kompost, Bettfedern, Mist, Gülle und diverse Pflanzenpräparate verwendet und das auch nur in sehr geringen Mengen.
Eine übermässig, organische Düngung wird vermieden. Durch Bodenanalysen wird festgestellt, ob die Düngung ausreicht oder, ob eine Über- oder Unterversorgung vorliegt. Zur organischen Komponente werden manchmal noch mineralische Ausgleichsdünger in Form von Basalt-, Lava- oder anderen Gesteinsmehlen gegeben. Das sind schwerlösliche, erst über das Bodenleben zu aktivierende Nährstoffe, die eine Vielzahl von Spurenelementen besitzen.
Reben sind sehr anfällig gegen Pilzkrankheiten und Insektenbefall.
Werden diese Schädlinge nicht bekämpft, fallen ihnen die ganze Ernte oder Teile davon zum Opfer. Deshalb muss der Winzer spätestens ab Juni aufpassen, ob seine Reben von Schädlingen befallen werden.
In den letzten Jahrzehnten hat es sich eingebürgert, die Reben vorsorglich zu spritzen, wobei chemisch-synthetische Mittel benutzt werden mussten, die ein breites Spektrum von Lebewesen vernichteten: Schädlinge ebenso wie Nützlinge.
Heute gehen immer mehr Winzer von der vorbeugenden Bekämpfung ab und versuchen, nur noch zu spritzen, wenn die klimatischen Bedingungen einen Schädlingsbefall sehr wahrscheinlich machen.
Pilzbefall (echter und falscher Mehltau) kann durch meteorologische Messungen ziemlich sicher vorausgesagt werden. Gegen die Gefahr des Sauerwurms können Pheromonfallen im Weinberg aufgehängt und so ein Frühwarnsystem installiert werden, das den Flug der gefährlichen Motte des Sauerwurms vorhersagt. Für andere Schädlinge, wie die Schwarzfleckenkrankheit oder den roten Brenner, lassen sich ebenfalls vorbeugende Massnahmen ergreifen.
Im natürlichen Weinbau wird versucht, auf synthetische Spritzmittel ganz zu verzichten. Der Befall von Schädlingen und Krankheiten wird soweit geduldet, so lange er die kritische Schadschwelle nicht erreicht.
Ist dies allerdings der Fall, dann wird mit organischem Netzschwefel und Kupfersulfat, auch „Bordelaiser Brühe“ genannt, das sind sogenannte Hemmstoffe gegen Schädlinge und Krankheiten, gespritzt. Diese Abschlussspritzungen sind, bei Bedarf, in genau festgelegter, niedriger Dosis zulässig.
Diese Spritzungen werden aber nur bei konkretem, sehr schwerem Schädlingsbefall angewendet, niemals als Vorbeugung.
In erster Linie zeigt der Befall dem Öko-Winzer, dass noch einiges an der Gesundung von Rebe und Boden zu tun bleibt. Er setzt dann Pflegemittel ein, die die Abwehrkraft und das Immunsystem von Pflanze und Boden stärken. Zudem streut er Gesteinsmehl, das zur Abhärtung dient.
Hinzu kommt, dass beim natürlichen Weinbau zwischen den Rebzeilen immer viel Platz gelassen wird, damit der Weinberg gut belüftet ist. Dadurch wird Pilzbefall verhindert.
In der Kellerwirtschaft gibt es kaum Unterschiede zum konventionellen Weinbau. Lediglich einige, ohnehin bedeutungslose, Mittel sind nicht zugelassen.
Schwefelige Säure zur Haltbarmachung ist auch im natürlichen Weinbau im üblichen gesetzlichen Rahmen erlaubt.
Aber bei der Weinlese gehen viele Winzer im natürlichem Weinbau wieder dazu über, jede Traube einzeln mit der Hand abzuschneiden und möglichst unverletzt in Eimer und Logel über die Bütte, bis in die Presse gelangen zu lassen, anstatt mit einer Maschine die tragenden Ruten der Weinrebe regelrecht abprügeln zu lassen und die herunterfallenden Beeren (die Stiele bleiben am Stock) mehr oder weniger zerquetscht in den mitfahrenden Tank zu befördern.
Für den Winzer bedeutet die Lese per Hand einen enormen qualitativen Unterschied.
Immer mehr Winzer, die sich noch nicht ganz für den natürlichen Weinbau entschieden haben, praktizieren bereits den sogenannten umweltschonenden Weinbau, eine Vorstufe zum natürlichen Weinbau.
Der Unterschied zum natürlichen Weinbau: Dabei wird, entsprechend einem ermittelten Bedarf, nach Empfehlungen der staatlichen Weinbauberatung gedüngt.
Die meisten Winzer beschränken sich dabei, je nach Bodenart, auf ein Minimum: Kleine Gaben alle drei Jahre. Ersatzdüngung lautet der Fachausdruck.
Sie dient lediglich dazu, dem Boden zurückzugeben, was die Pflanze ihm entnommen hat.
Auch chemisch-synthetische Mittel sind teilweise zugelassen. Doch um gezielte Schädlings- und Krankheitsbekämpfung vorzunehmen, wird intensive Pflanzenkontrolle betrieben.
Der umweltschonende Weinbau setzt sich mittlerweile in fast allen Weinbauregionen immer mehr durch und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er zum „neuen konventionellen Weinbau“ wird.
Der konventionelle und der natürliche Weinbau gehen mittlerweile immer mehr ineinander über, die Grenzen verwischen.
Es gibt inzwischen, Gott sei Dank, keine harten Fronten mehr zwischen dem konventionellen Anbau und den Aktivitäten des natürlichen Weinbaus, so wie früher.
Im Gegenteil: Ein grosser Teil der Weinbauern, sogar die grossen Genossenschaften orientieren sich zur Zeit neu, holen sich Tipps von den Öko-Winzern und bewirtschaften ihre Weingärten oder zumindest Teile davon nach den Kriterien des natürlichen Weinbaus, um ihn zu testen.
Eines haben die Anhänger des natürlichen Weinbaus auf jeden Fall schon erreicht:
Im Gegensatz zu früher, düngen fast alle Winzer weniger und nur noch nach Bedarf. Sie haben den Einsatz von Spritzmitteln deutlich reduziert und setzen vermehrt auf natürliche Schädlingsbekämpfung.
Die Zahl derer, die durch intensives Düngen nur auf hohe Erträge aus sind und damit letztlich das Grundwasser belasten, ist stark rückläufig.
Und: Vorbeugende Spritzungen werden immer seltener praktiziert.
Den Verdienst an diesem Fortschritt haben ganz allein die grünen Öko-Winzer, die Fehlentwicklungen angeprangert und aufgezeigt haben, wie es anders funktionieren kann.
Ilona E. Schröder




